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Übergangsapotheke im Katastrophengebiet: Linda Wnendt

09.08.2021
-
Lesedauer 5 Minuten
Apotheke
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Linda Wnendt ist Apothekerin mit Leib und Seele. Ihre Ahrtor Apotheke in Ahrweiler hat sie erst 2019 mit viel Herzblut modernisiert, digitalisiert und automatisiert. Vor drei Wochen ist das passiert, womit niemand gerechnet hätte: Immense Wassermassen haben Teile von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zerstört. Auch die Altstadt von Ahrweiler ist von der Katastrophe schwer gezeichnet, die Ahrtor Apotheke beinahe gänzlich weggespült.

„Die Zerstörung ist unvorstellbar“

Auch rund drei Wochen nach der Naturkatastrophe ist das Stadtbild von Bad Neuenahr/Ahrweiler geprägt von Schuttbergen, gestapelten Autowracks und Blaulichtfahrzeugen. Die Gewalt, mit der die Flut im beschaulichen Ahrweiler gewütet hat, ist unvorstellbar. Laternen sind wie Zahnstocher geknickt, Fensterscheiben und schwere Eingangstüren zerborsten und eingedrückt. Und doch liegt ein Hauch Zuversicht in der Luft. Es sind die Menschen, die trotz der massiven Zerstörung ihrer Heimat und auch ihrer Existenzen, anpacken und nach vorne blicken. Gewillt und bereit, eine Zukunft zu schaffen. So wie Linda Wnendt, die mit einer, trotz aller Umstände, positiven Einstellung handelt und vorantreibt, wo es nur geht.

„Ich habe nur Räumlichkeiten verloren“

Auf die Frage, wie es Linda Wnendt mit dem Verlust ihrer Apotheke geht, folgt ein Einwand: „Anfangs habe ich gesagt, ich habe nur eine Apotheke verloren. Mittlerweile sehe ich es anders. Ich habe nur meine Räumlichkeiten verloren. Die Apotheke, das sind meine Mitarbeiter und ich. Wegen der zerstörten Räume habe ich keine einzige Träne verloren. Die erste Träne ist geflossen, als ich nach über einem Tag erfahren habe, dass es allen meinen Mitarbeitern gut geht.“

Die Ahrtor Apotheke nach der Flutkatastrophe
Die Ahrtor Apotheke nach der Flutkatastrophe
Die Ahrtor Apotheke nach der Flutkatastrophe
Die Ahrtor Apotheke nach der Flutkatastrophe
Die Ahrtor Apotheke nach der Flutkatastrophe
Die Ahrtor Apotheke nach der Flutkatastrophe

Mit dem Ausmaß habe sie niemals gerechnet, sagt die Apothekerin. Kein Strom, kein fließendes Wasser und auch keine Versorgung derer, die ohnehin schon alles verloren hatten. Auch wichtige, ja sogar lebensnotwendige Arzneimittel, wurden von den Wassermassen mitgerissen und die Gesundheitsversorgung lahmgelegt. „Ich habe sofort gemerkt: Wir werden gebraucht! Meine Kunden haben mich verzweifelt angerufen. Mir erzählt, dass sie alles verloren hätten. Nicht mehr wüssten, welche Medikamente sie einnehmen müssten oder woher sie die Tabletten bekommen sollen. Also habe ich die Versorgung über einen befreundeten Apotheker in Köln organisiert und die Medikamente von Köln nach Ahrweiler gefahren.“

„Nicht nur Beruf, sondern Berufung“

Dass das kein Dauerzustand bleiben kann, war schnell klar. Denn es ist nicht nur die Versorgung mit dem Nötigsten, die Linda Wnendt gewährleisten möchte. Vom ersten Tag an war klar: Sie möchte den Menschen, ihren Kunden, wieder eine vertraute Anlaufstelle bieten. Bereits am Tag nach der Flutwelle greift Linda Wnendt entschlossen zum Hörer und startet das Projekt „Übergangsapotheke“. Doch nicht nur das. Sie setzt sich ebenfalls dafür ein, Klarheit bei Behörden und Strukturen zu schaffen, die bei der Versorgung und dem Wiederaufbau unbedingt notwendig sind. Für Frau Wnendt selbstverständlich: Nebenbei kümmert sie sich außerdem darum, ihre Mitarbeiter zu unterstützen, die in den Fluten alles verloren haben. Auf die Nachfrage, wie sie das alles stemmen könnte, folgt ein Lächeln: „Indem es für mich kein Beruf, sondern eine Berufung ist, Apothekerin zu sein. Ich will für meine Kunden da sein. Ganz ohne Unterstützung geht es aber natürlich nicht. Man braucht Partner, die unterstützen. Beruflich aber vor allem auch privat“.

Übergangsapotheke von Apothekerin Linda Wnendt
Übergangsapotheke von Apothekerin Linda Wnendt

„Ohne Partner würde es nicht funktionieren“

Unterstützt wird Frau Wnendt von Familie, Freunden und Geschäftspartnern. Es hat nicht einmal 36 Stunden gedauert, bis Linda Wnendt beispielsweise einen Übergangs-Kommissionierautomaten angefragt hatte. Auch, wenn zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststand, ob Räumlichkeiten für die Übergangs-Apotheke verfügbar sind. Denn auch deren Organisation verlief alles andere als reibungslos. „Mir wurde von den Behörden gesagt, dass es nicht notwendig ist, eine Übergangslösung für meine Apotheke zu schaffen, denn die Gesundheitsversorgung sei gesichert. Wir haben aber ganz klar gesehen, dass das nicht so ist.“ Die Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Die Räumlichkeiten sind gesichert und der Automat bereits installiert, denn ohne den Kollegen Rowa „geht es einfach nicht mehr. Wir haben Glück mit den Räumen, die wir für die nächsten Monate nutzen können, aber ein begrenztes Platzangebot. Hier noch Medikamentenkisten zu stapeln, das würde nicht funktionieren“. Dass der Leihautomat in die Apotheke kommt, war schnell klar und ebenso schnell umgesetzt.

„Die Wichtigkeit der Apotheke vor Ort zeigt sich in solchen Momenten“

Es sind drei Wochen vergangen, seitdem die katastrophale Flutwelle das Ahrtal verwüstet hat. „Es geht nicht nur darum, unseren Kunden Medikamente auszuhändigen. Jetzt zeigt sich, wie wichtig die Apotheke vor Ort wirklich ist. Es geht um zuhören, es geht um füreinander da sein. Das können wir nur vor Ort leisten“, erzählt Linda Wnendt weiter, während sie durch ihre Übergangs-Apotheke blickt. Wir unterhalten uns zwischen dem Kommissionierautomaten, der währenddessen installiert wird und Kassenplätzen, die gerade eingerichtet werden. Es wirkt schon beinahe so, als befände man sich nicht mitten im Krisengebiet, für das Linda Wnendt so unermüdlich und voller Kraft kämpft. Einzig die Schaufeln in der Ecke, die so dringend zur Beseitigung des Schlamms gebraucht wurden, erinnern daran, wo wir uns befinden.

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